17.06.2006 · Die Art Basel hat ihren Führungsanspruch in ihrer 37. Ausgabe uneinholbar ausgebaut. Eine Tendenz ist dabei deutlich auszumachen: Endgültig weg von reinen Ansammlungen teuer abverkaufbaren, modischen Materials, warten die weitläufigen Areale der Händlerelite mit Präsentationen auf, die kuratierten Ausstellungen sehr nah kommen.
Von Rose-Maria GroppDer Parcours ist der höchstdotierte der Welt: Die 37. Ausgabe der Art Basel hat die Schatzkammern der Kunst des 20. und des 21. Jahrhunderts geöffnet. Ereignis wird da in den Hallen, was in dieser Konzentration kaum vorstellbar schien - zumal nach den gerade einen Monat zurückliegenden New Yorker Auktionen. Angesichts der enormen Fülle und Qualität - oder jedenfalls aktuellen Marktgängigkeit - der dort aufgerufenen Kunst konnte die Frage aufkommen, ob die „stocks“ des internationalen Handels noch ebenbürtige Reserven bewahren.
Nun ist in Basel jeder beschleunigte Durchlauf der Werke - gleichsam noch mit der Losnummer versehen in die Stände der Händler und Galeristen - vollständig vermieden. Im Gegenteil: Das Aufgebot der Schau demonstriert ein tiefes Vertrauen in die klassische Domäne des Kunsthandels, der sich durch die Aus- und Übergriffe der mächtigen Versteigerungsfirmen in die angestammte Domäne geradezu beflügelt fühlt. Was diese Spitzengarde, zumal im Bereich des Primärmarkts, auffährt, baut auf ein entsprechendes Publikum, dessen Kaufkraft und Kaufwille schier unermüdlich ist. Diese Rechnung ging auf.
Konfrontation und Kenntnisvermittlung
Eine Tendenz ist deutlich auszumachen: Endgültig weg von reinen Ansammlungen hochpreisigen oder jedenfalls teuer abverkaufbaren, modischen Materials, warten die weitläufigen Areale (Stand oder Koje sind da längst nicht mehr die passenden Bezeichnungen) der Galeristen- und Händlerelite mit Präsentationen auf, die kuratierten Ausstellungen sehr nah kommen. Es sind so mancherorts Zuordnungen und Konfrontationen entstanden, die als veritable Schule des Sehens taugen. Die Absicht dabei ist denkbar wünschenswert: Gegen das herrschende Zufallsprinzip der Prestigeauktionen ist auf Geschmacksbildung und Kenntnisvermittlung gesetzt, auf der diachronen wie auf der synchronen Schiene gewissermaßen. Und zugleich wird eine in ihren Sinnen bereits gebildete Klientel konfrontiert mit einem Angebot, das deren entsprechend hohen Standards gerecht wird.
Die Galerie Gmurzynska glänzt da mit ihrer Suite, die von einem herrlichen Degas-Pastell „Après le Bain“ über „Meules, soleil voilé“ von Monet bis hin zu einer fast zart anmutenden Richard-Long-Steinskulptur und einem frühen, sehr puren Siebdruck über Bleistiftschrift von Richard Prince führt. Herzstück ist ein monumentaler umwerfender „Nu couché“ Picassos vom 15. November 1971 (12 Millionen Dollar). Überhaupt Picasso: Nicht nur bei Jan Krugier, der den Nachlaß von Marina Picasso vertritt, erscheint der Meister aller Klassen in Reihe gehängt und gestellt, auch Helly Nahmad läßt die Picasso-Muskeln spielen - dabei eine „Femme en Blanc“ von 1922 (25 Millionen Dollar).
Fabelhaft sortiertes Panoptikum
Marlborough zeigt Francis Bacon vor, als Zwei-Meter-Breitwand-Triptychon vor fliederfarbenem Grund („Three Studies from the Human Body“, 1970; 19 Millionen Euro), und Warhols „Hamburger 2 Times“ von 1985/86 ist dort mit 6,15 Metern der längste Warhol weit und breit. Es ist die Parade der Klassischen Moderne und der Klassiker der Gegenwart; mit Nebenwerken wird sich gar nicht abgegeben, wie auch das fabelhaft sortierte Panoptikum der Münchner Galerie Thomas vorführt.
Der jüngsten, geschmeidigen Weich-Maler überdrüssig, bekommen die Beherrscher des Genres die Oberhand, und auch die Skulptur betritt machtvoll die Bühne. Bei Marwan Hoss aus Paris flankieren eine „Woman in Armchair“ (1994) und das attraktive „Girl next to bathroom column“ (1974) von George Segal ein ikonisches Wandrelief Tom Wesselmanns, das in Grisailletönen eine General-Electric-Uhr mit einem Radio und Bierflaschen zum „Still Life“ (1964) kombiniert.
Matthew Marks gegenüber zeigt Dieter Roths prächtig erodiertes, achtzig mal achtzig Zentimeter großes Eisen-Schokolade-Wandstück „Am Rhein“ (1969) als Mementum der Vergänglichkeit und stellt Hans Haackes kleinen „Obstructed Flow“ (1967), in dem Öl sich träge in Polyesterharz dehnt, auf einen Sockel. Hauser&Wirth, Zürich, hüten im Wandobjekt Marcel Broodthaers' Eier(schalen) „Pour Lumumba“ (1965), während im Stand eine buchstäblich schweinische Skulptur Paul McCarthys thront, der eine charmante Sitzecke Pipilotti Rists heimelige Atmosphäre verleiht, nachdem man eingangs eine der verstörenden anthropomorphen Plastiken von Berlinde de Bruyck here passiert hat.
Kampfmalerei zum Thema Gesellschaft
Neben dem boshaften Tom Sachs - mit einer „9mm Pistol with laser sight on Base“ (2004) - staffiert sich Sperone Westwater mit den grotesken, aus Silikon, Pigmenten und Haaren geschaffenen, jegliche Proportionen denunzierenden Anamorphosen Evan Pennys (2006): Manierismen der Reflexion auf menschliches Maß sind sie (neben ungenierter Anverwandlung der Manier von Ron Mueck), Signale zugleich dafür, daß Kunst mit Gesellschaft zu schaffen hat.
Bei Young, Chicago, mischt sich Bruce Nauman ein mit seinem „3 HeadsFountain (3 Andrews)“ von 2005, einem Brunnen, in dessen Becken Wasser aus drei Köpfen sprüht. Ganz anders bekennt sich der Szeneliebling Tatjana Doll mit ihrer sportiven Kampfmalerei zum Thema Gesellschaft: Nachdem bei Art&Public ihre beiden Riesen-Busse „USPS“ und „UPS“ schnell abgegeben waren, kamen zwei annähernd in Lebensgröße porträtierte rote Ferraris an deren Plätze.
Das wohl schönste und wichtigste Bild von Georg Baselitz, das derzeit unterwegs ist, zeigt Aurel Scheibler: „Der Mann am Baum“ von 1969 ist eine der Urszenen von Baselitz' kopfständiger Malweise und befand sich seit mehr als 25 Jahren in einer Privatsammlung (2,5 Millionen Euro). Im Feld der Zeichnung, einem in Basel erstarkenden Genre, kann Daniel Blau Blätter aus der Sammlung Johannes Gachnang anbieten, darunter frühe rare auch von Baselitz oder Anselm Kiefer (um 70000 Euro).
Erste Hängung schon verkauft
Arbeiten vom wunderbaren Richard Artschwager außen am Stand und innen einen dieser supercoolen George-Condo-Kerle, der einen witzigen grauen Topf von Fischli & Weiss anfeixt, haben Sprüth Magers Lee zu bieten. Die erste Hängung, erzählt Monika Sprüth vormittags am ersten Publikumstag, war schon verkauft, und mit dieser Erfahrung ist sie nicht die einzige auf der Messe.
Immer wieder fallen ästhetisch durchkomponierte Stände auf, wie der von Luis Campaña, der von Bärbel Grässlin (mit den tollsten Kippenberger-Zeichnungen) oder, ganz anders, von Contemporary Fine Arts, wo sich Zach Cale mit seiner Gitarre in die Herzen aller singt (gegenüber von zwei frühen Bildern des Malstars Peter Doig für 200000 und 250000 Euro). Bei Koyanagi aus Tokio begegnet man (teils ebenfalls frühen) Fotografien von Sugimoto, darunter der starke schwarzweiße „Golden Eagle“ von 1994. Und Tracy Emin gibt mit einem Werk, das auf gebastelten Turnierrosetten Liebhaber prämiert, ihr Bestes in Sachen Geschlechterverhältnis (bei Lehmann-Maupin).
Diktat der Sorgfalt und Mut zum Risiko
Die Art Basel achtet auf die guten Sitten: So wurde zum Beispiel der prominente Pariser Galerist, der im vergangenen Jahr seinen potentesten Kunden vor der offiziellen Preview in die Halle einschleuste, in diesem Jahr von der Teilnahme ausgeschlossen. Derartige Regelverletzungen sind kein Kavaliersdelikt bei einer Veranstaltung, die noch dem Begriff Messe gerecht werden will, weil es um reale Geschäfte am Ort geht, nicht um die schiere Virtualität der Akkumulation von Objekten.
Die Erwägungen manches Galeristen, vor allem im Feld der zeitgenössischen Kunst - nämlich: Wem gebe ich die besten Arbeiten meiner Künstler, um sie vor dem Verbrennen in Spekulationsgewinnen zu bewahren und sie ernsthaften Sammlungen zuzuführen? -, sind nicht Koketterie, sondern Diktat der Sorgfalt. Angesichts des Geldes, das unterwegs ist und das in Kunst seinen Halt und sein Prestige verankern will, ist diese Fürsorge berechtigt. Der überschäumende Markt hat die Stunde der verantwortungsvollen Vermittler anbrechen lassen; nicht alles ist für jeden feil - eine Erfahrung, die manchen Kaufwilligen brüskieren wird.
Alles ist genau durchdacht in Basel, von der fein gestalteten Fotografie-Sektion bis zur erstmals komponierten Gruppe der „Art Premieren“ zwölf ganz junger Galeristen. Die „Art Statements“ sind in eine Halle eingerückt mit „Art Unlimited“, wo der Mut zum händlerischen Risiko Überwältigungsdimensionen annimmt: Wie der verdichtete Kern einer gigantischen Spiellust sprüht diese Sonderschau der Großprojekte nur so vor Ideen - von Kader Attias Spiegelkabinett „Infinities“, in dem sich sanfte Riesenbohrer drehen (Galerien Andréhn-Schiptjenko und Templon), über Carsten Höllers hybrides „Mirror Caroussel“ (Gagosian) bis zu James Rosenquists Vierzigmetergemälde zur Fünfzigjahrfeier der Menschenrechtserklärung (Acquavella). Bleibt nur ein Fazit: Die Art Basel hat ihre Führung als globale Spitzenschau mit ihrem Auftritt 2006 uneinholbar ausgebaut.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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