04.07.2007 · Wesentlich bescheidener taxiert als ihre zeitgenössischen Pendants sind die Alten Meister, die bei den Londoner Auktionen von Christie's und Sotheby's zum Aufruf kommen. Raffael und Velázquez führen ein starkes Angebot an, das vor allem in der Breite besticht.
Von Gina Thomas, LondonVor nicht allzu langer Zeit waren es die Preise für Impressionisten und Alten Meister, die Freude, Staunen, Kopfschütteln in den Auktionssälen hervorriefen. Gemessen an den ständig aufgestellten und gleich wieder übertroffenen Rekorden für die moderne und zeitgenösssische Kunst wirken aber die knapp fünfzig Millionen Pfund, die die kanadische Verlegerfamilie Thomson vor fünf Jahren für den wiederentdeckten „Bethlehemitischen Kindermord“ von Rubens ausgab, fast bescheiden. Verglichen mit dem hektischen Gedrängel bei den jüngsten Londoner Auktionen wirkt die Stimmung jetzt - vor den Alten Meistern - ruhig und gelassen. Es scheint sich ein kurioser Rollenwechsel vollzogen zu haben: Während die Moderne einst als avantgardistisch galt und vor allem Sammler anzog, die sich nicht vor dem Sprung ins Unbekannte scheuten, wird sie nun als Must-Have-Ware gehandelt. Dahingegen ziehen die Alten Meister ein zunehmend spezialisiertes Publikum an, das sich traut, gegen den Strom zu schwimmen.
Als Schnäppchen lassen sich fünfzehn Millionen Pfund für einen Raffael freilich nicht bezeichnen. Dass der oberste Schätzwert des prachtvollen Spitzenloses in der Abendversteigerung bei Christie's am 5. Juli - eines der ganz wenigen Gemälde des Urbinaten in Privathand - in etwa dem entspricht, was Andy Warhols „Lemon Marilyn“ kürzlich in New York erzielte, stimmt allerdings bedenklich. Christie's nennt den kraftstrotzenden Lorenzo de' Medici, Herzog von Urbino, Enkel des florentinischen Herrschers Lorenzo der Prächtige und Neffe des, ebenfalls von Raffael porträtierten, Papsts Leo X., das bedeutendste Renaissance-Gemälde, das seit einer Generation angeboten wird.
Seit 1971 ist seine Zuschreibung an Raffael durch Konrad Oberhuber gesichert. Knapp zehn Jahre zuvor war die Leinwand als Bronzino-Porträt des François I. für 1050 Pfund versteigert und sechs Jahre später als Werk eines Unbekannten an den New Yorker Händler Ira Spaniermann weiterverkauft worden: Die Auktionshäuser greifen eben gern auf Superlative zurück, wenn sie ihre Ware anpreisen. Im Falle dieses Staatporträts, mit dem der Herzog seiner künftigen Braut Madeleine de la Tour d'Auvergne und der Künstler wohl deren Vetter, dem französischen König François I. Eindruck machen wollten, scheint die Bezeichnung allerdings nicht unangemessen.
Nicht nur große Namen
Das Bildnis führt ein starkes Angebot an, das nicht nur mit grossen Namen auftrumpft, sondern auch mit Werken von musealer Qualität - wie die wunderbar erhaltene, in Öl auf Kupfer gemalte „Beweinung Christi“ des Bologner Barockmalers Domenichino aus englischem Adelsbesitz. Das kleine Gemälde, ein wahres Juwel, das mit 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund veranschlagt ist, zählt zu einer Reihe marktfrischer Objekte aus Privatsammlungen, welche die ewigen Klage über die Materialknappheit auf diesem immer enger werdenden Sektor diesmal etwas abklingen läßt.
Dazu tragen auch die unlängst restituierten Bilder aus dem Besitz des holländischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker bei, allen voran das um 1520 datierte, dem Meister des Pauw- und Zás-Altars zugeschriebene Triptychon mit dem Abendmahl aus dem Karthäuser-Kloster Nieuvelicht bei Utrecht, das bis zu 1,5 Millionen Pfund einbringen soll. Bemerkenswert in ihrer Schärfe sind auch die zwei unfertigen aquarellierten Porträtstudien auf Pergament des Dürer-Zeitgenossen Peter Gertner aus der fürstlichen Sammlung Anhalt-Dessau, die zuletzt Anfang der dreißiger Jahre in Berlin auf dem Markt waren; sie sind mit 300.000 bis 400.000 Pfund taxiert.
In der sich anzüglich als Venus mit Amor darbietenden jüngeren Frau auf dem Gemälde des Hofmalers Peter Lely möchten Liebhaber von Romanzen das Bildnis Nell Gwynns erkennen, der Geliebten des Stuart-Königs Karls II.; andere identifizieren sie als die Herzogin von Cleveland. Das Bild hat schon vor der Auktion viel Aufmerksamkeit gefunden und ist mit einem oberen Schätzwert von zwei Millionen Pfund versehen.
Velázquez als Spitzenlos
Sotheby's hat zwar keinen Raffael zu bieten, dafür aber in seiner Abendauktion am 4. Juli die entzückende Heilige Rufina von Velázquez, die bereits 1999 in New York von sich reden machte, als ein Privatsammler nach hartem Bietgefecht für 8,1 Millionen Dollar den Zuschlag erhielt; der Schätzwert lag damals bei drei Millionen Dollar: Diesmal rechnet Sotheby's mit einem Vielfachen dieses Betrags, und dabei wirkt die Taxe von sechs bis acht Millionen Pfund noch vorsichtig. Jan Brueghels d.Ä., dem Virgil nachempfundene Darstellung des Aeneas und der Sibylle in der Unterwelt, für die Johnny van Haeften 2001 bei Sotheby's 1,32 Millionenen Dollar bezahlte, hat einen neuen Auftritt - diesmal mit einem Preisschild von zwei bis drei Millionen Pfund. Und für Fragonards, zuletzt 1999 bei Christie's für 5,3 Millionen Pfund versteigerte Schlafzimmerszene „Le Verou“, von der es verschiedene Fassungen gibt, liegt die Taxe bei fünf bis acht Millionen Pfund.
Unter den Zeichnungen ragt Fragonards seltene Gouache die „Insel der Liebe“ heraus, die den Inbegriff des Rokoko darstellt: Das herrliche Blatt aus der Sammlung der Erben des „Macy“-Kaufhausvermögens in New York soll bei Christie's am 3. Juli bis zu 900.000 Pfund erzielen. Aus dem Besitz des Brünner Anwalts Arthur Feldmann, dessen Sammlung von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde, kommt die mit einer Obertaxe von 750.000 Pfund versehene Rembrandt-Zeichnung eines alten Paars. Feldmann hatte das Blatt bereits 1934 an die nach Amerika emigrierten Vorfahren des jetzigen Einlieferers verkauft. Einige restituierte Zeichnungen aus ehemaligem Feldmannn-Besitz bietet dagegen Sotheby's am 4. Juli an, darunter eine um 1635 datierte, auf bis zu 350.000 Pfund geschätzte Federskizze Rembrandts mit Josef und seinen Brüdern.
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