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Kommunionsstreit : Ein päpstlicher Brief, mit dem sich leben lässt

Kardinal Marx bei einer Predigt in Ingolstadt Bild: dpa

Ein päpstlicher Brief an Kardinal Marx zeigt, dass auch in Rom die Streitfrage Kommunion noch nicht entschieden ist. Man ist sich einig, uneinig zu sein.

          Von Jesuiten verantwortete oder gar formulierte Schreiben stehen gemeinhin nicht im Verdacht des Eindimensionalen. Sie sprechen auf mehreren Ebenen gleichzeitig oder, genauer, sie sprechen so auf einer Ebene (der psychologischen beispielsweise), dass dabei einschlussweise der Abgleich mit anderen Ebenen (der juristischen zumal) vorgenommen wird, ein multidimensionales, kautelenreiches, gleichwohl kolloquiales Reden, das nur den Untrainierten ausrufen lässt: Um Gottes willen, hier ist ja nichts so, wie es scheint!

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn daher der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation (Luis Ladaria, ein Jesuit) „mit ausdrücklicher Zustimmung des Papstes“ (Franziskus, ebenfalls Jesuit) dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (Reinhard Kardinal Marx, kein Jesuit) brieflich ein paar Punkte zur Kenntnis bringen möchte, wie jetzt geschehen, dann sollte man, statt einfach draufloszufuttern, sorgsam das hermeneutische Besteck bereitlegen, am besten die gesamte Garnitur, inklusive Servierlöffel, Vorlegegabel, Messer-Sets und Tortenheber.

          Man findet dann ad 1), dass der sogenannte Kommunionstreit mitnichten von Rom „entschieden“ wurde, wie es jetzt heißt. Rom hat entschieden, in der fraglichen theologischen Sache nicht zu entscheiden, jedenfalls im Augenblick nicht, hat eine „baldige Klärung“ und diese dann „auf weltkirchlicher Ebene“ in Aussicht gestellt. Man findet ad 2), dass Kardinal Marx jetzt gar nicht als der große Verlierer dasteht, als der er hingestellt wird. Marx kann für sich verbuchen, einen Ball ins Rollen gebracht, eine Dynamik in der Weltkirche ausgelöst zu haben, gegen welche die Abmahnung der von ihm mobilisierten „Handreichung“ („nicht zur Veröffentlichung reif“) ein Kinkerlitzchen ist. Man findet ad 3), dass in der Form der Abmahnung hier eine Lizenz steckt (und sich als weltkirchliche Klärung in Ladarias Brief schon einmal skizziert findet). Es ist eine Lizenz, mit der gerade auch Kardinal Marx gut leben könnte, wenn er seine „Überraschung“ über Ladarias Schreiben überwunden hat, eine Lizenz, die so profiliert bislang nicht greifbar war. Um welche Lizenz geht es?

          Übereinstimmung nicht übereinzustimmen

          Im vatikanischen Brief an Marx heißt es, dass von der Interkommunion zwischen den Konfessionen „das Recht der Kirche“ betroffen sei, „vor allem die Auslegung von can 844 CIC“. In besagtem Kanon wird die Kommunionzulassung nicht-katholischer Christen unter Paragraph 4 tatsächlich so geregelt, dass „Todesgefahr“ oder „eine andere schwere Notlage“ bestehen müsse. Ob eine solche Notlage jeweils vorliegt, wird im kanonischen Recht „dem Urteil des Diözesanbischofs bzw. der Bischofskonferenz“ überlassen. Im Brief Ladarias findet sich, was die Zuständigkeit für die Einschätzung einer „schweren Notlage“ angeht, nun eine wichtige Akzentverschiebung: „Insbesondere scheint es angebracht, das Urteil über das Vorliegen einer ,drängenden schweren Notlage‘ dem Diözesanbischof zu überlassen.“ Das ist doch auffällig: Die Bischofskonferenz wird von Ladaria mit einem unverbindlichen Kollegialitätsappell aus dem kanonischen Recht herauskomplimentiert. Im Brief erwähnt wird lediglich der einzelne Ortsbischof, das Kollektivorgan Bischofskonferenz fällt also mal eben unter den Tisch, was die Urteilskompetenz in Sachen „schwere Notlage“ angeht.

          Ist damit ein jesuitisch-feines Zeichen für den Ortsbischof gesetzt, in der fraglichen Materie künftig nun wirklich nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, und zwar ohne Abstimmung mit seinen Amtsbrüdern, wie sie bislang zumindest als guter Brauch erwartet wurde? Sollte in der Übereinstimmung, nicht übereinzustimmen, die päpstlicherseits geforderte „Einmütigkeit“ der Bischöfe liegen? Ist das die eigentliche Botschaft, das Tortenstück des Ladaria-Briefs, jenseits der nur scheinbaren Klatsche für Marx? Das hieße: jeder Bischof nach seiner Façon. Eine allgemeine Kriteriologie entfällt. Wer im Kommunionverzicht S.O.S. für die Ehe funkt, soll die „schwere Notlage“ beanspruchen dürfen; wer das für übertrieben hält, soll es bleibenlassen. Was der Diözese A recht ist, muss der Diözese B nicht billig sein.

          Mehr als Ausnahmeregel?

          So würde sich die Linie des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ fortsetzen, auf welche sich doch auch Marx meinte berufen zu können: die Einheit von Lehre und Kirchenrecht nicht etwa offiziell in Frage zu stellen, sondern fallweise aufzulösen, dabei die Labilitäten der menschlichen Psyche in der Norm selbst abzubilden und Letztere auf diese Weise in ein Aggregat von Notstandsgesetzen zu verwandeln. Nicht dass Rechtsvorschriften eine situative Abmilderung erfahren, ist normentheoretisch irgendein Aufhebens wert, weder innerhalb noch außerhalb der Kirche. Anderenfalls würde sich das Recht als Rigorismus selbst ruinieren.

          Doch was als ungeschriebene Ausnahmeregel von der Norm funktionierte (das herkömmliche kirchliche Milderungsprinzip der Epikie), gewinnt im Brief Ladarias, als Skizze einer „baldigen Klärung auf weltkirchlicher Ebene“ gelesen, den Charakter einer neuen, nun eben auch den Normalfall regelnden Einzelfallnorm. Als solche nimmt sie im Durchlauf der vatikanischen Behörden Schriftform an, und sei es im für dieses jesuitische Pontifikat bezeichnenden Genre der Fußnote.

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