
Wenn ein Torhüter, der immer Souveränität ausstrahlte, sich nicht mehr zu helfen weiß, dann geraten Sicherheiten ins Wanken
14. November 2009 In der Arena von Hannover werden am Sonntag mehrere zehntausend Menschen erwartet. Es ist gut möglich, dass alle Plätze im Stadion besetzt sein werden, wenn die Menschen ein letztes Mal Abschied nehmen von Robert Enke. Tausende werden vielleicht gar keinen Platz mehr im Stadion finden. Der Verein hat schon um Verständnis gebeten, dass aus baulichen Gründen nur 45.000 Menschen ins Stadion hinein dürfen. Die ARD überträgt die Trauerfeier live. Auch Anteilnahme ist unberechenbar.
Das Mitgefühl am Schicksal Robert Enkes, der am Dienstag auf den Bahngleisen den Tod suchte, hat eine Dimension angenommen, die sich kaum fassen lässt. Schon am Mittwochmorgen, nur wenige Stunden nach seinem Selbstmord, bildeten sich vor dem Stadion am Maschsee lange Schlangen von Trauernden, die sich in das Kondolenzbuch eintrugen, das der Verein für seinen Torwart ausgelegt hatte. Am Abend schwoll der spontane Trauerzug in Hannover auf 35.000 Menschen an, die schweigend durch die Innenstadt zogen. Als hätte man einen Stein in den dunklen See vor dem Stadion geworfen, breiteten sich über das ganze Land Wellen der Anteilnahme aus. Die Bundeskanzlerin richtete an Robert Enkes Frau einen persönlichen Brief, über den sie entgegen den Gepflogenheiten die Öffentlichkeit informieren ließ. Minister äußerten sich über den Tod und stellten Spekulationen über Ursachen und Versäumnisse an. Auch im Ausland hat das Schicksal eines deutschen Torwarts beispiellose Reaktionen hervorgerufen.
Selbstmord und Depressionen gehören zum stummen Teil des Alltags

Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie: "Es ist die Offenheit von Hirn und Herz notwendig"
Wie ist das nur möglich? In dieser kollektiven Trauer offenbart sich, wie sehr Selbstmord und Depressionen zum stummen Teil des Alltags gehören. In Deutschland begehen durchschnittlich rund eintausend Menschen im Jahr Selbstmord, in dem sie sich von einem Zug überfahren lassen - das sind fast drei Todesfälle pro Tag. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe schätzt, dass hierzulande vier Millionen Menschen an einer Depression leiden, die behandelt gehört. In der überwältigenden Anteilnahme für Robert Enke stecke daher auch die Sorge jedes Einzelnen von uns selbst, in eine solche Situation zu geraten, sagt Florian Holsboer, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Holsboer behandelte den früheren Nationalspieler Sebastian Deisler, der seine Depression im Jahr 2003 offenbarte, sich daraufhin in eine Klinik begab und seine Karriere vier Jahre später dennoch beenden musste. Damals reagierten die Öffentlichkeit, die Fußballbranche und die Kollegen noch anders, mit weniger Mitgefühl.
Die Anteilnahme an Robert Enkes Schicksal breitete sich aus wie Wellen, die ein Stein im See auslöst. Die kleinste Welle erreichte die Menschen, die ihn nicht persönlich kannten, die dem Torwart im Stadion zujubelten oder seine Stärke und Leistungskraft im Fernsehen bewunderten. Ein Torhüter, ein Bewacher und Beschützer seiner Mannschaft, ein Mann, der immer Souveränität ausstrahlte - aber wenn sich selbst der Stärkste der Starken nicht mehr zu helfen weiß, dann geraten Sicherheiten ins Wanken. Denn stark müssen wir alle sein. So sehen das Psychotherapeuten.
Die Depression, mit der man nichts zu tun haben will, lässt sich angesichts von Enkes Schicksal nicht mehr so leicht wegschieben. Man beginnt über vieles unwillkürlich nachzudenken, über das eigene Leben und die Anforderungen, die man an sich stellt. Wie man miteinander umgeht. Wie man den anderen wahrnimmt, wenn das Individuelle so stark ausgeprägt ist, ob man den anderen überhaupt noch wahrnimmt. Die Depression ist eine potentiell tödliche Krankheit. Wir müssen mit der Krankheit offener umgehen, damit ein junger Mann wie Robert Enke nicht in diesem Zwiespalt gefangen ist, in dem er sich wohl befand. Ich hoffe einmal mehr, dass wir Depression nicht mehr als etwas Negatives, als eine fast charakterliche Schwäche interpretieren. Wir versündigen uns sonst an den kranken Menschen und werden solche Fälle immer wieder erleben, sagt Holsboer. Das ist die Welle, die uns alle berührt.
Die ewige Frage: Warum habe ich nichts bemerkt?
Die zweite, noch intensivere Welle erfasst die Menschen, die Robert Enke persönlich kannten. Die Verantwortung tragen, im Verein und in der Nationalmannschaft. Sie sprechen nun vom Umdenken. Der Fußball ruht für ein paar Tage. Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, hat die Suche nach Antworten zur Verpflichtung für den deutschen Fußball erklärt. Das martialische Denken nach dem Motto: Ich darf keine Schwächen zeigen, ich muss der Stärkste sein müsse aufhören, fordert Zwanziger. Für Martin Kind, den Präsidenten von Hannover 96, ist die intensivere Betreuung junger Menschen eine mögliche Antwort. Vom Grundsatz bin ich tief überzeugt, dass wir lernen müssen, uns zu öffnen, sagt er.
Neben der Bestürzung kommt bei Menschen nach dem Selbstmord eines Bekannten immer dieselbe Frage auf: Warum habe ich nichts bemerkt? Holsboer stellt unbequeme Fragen an jene, die von der zweiten Welle berührt werden. Wenn jemand wegen einer langwierigen Viruserkrankung lange ausfällt und seit Jahren einen Psychiater konsultiert, muss man sich schon fragen, ob der Druck des Vereins nicht dazu geführt hat, dass sich Robert Enke nicht auf die wahrscheinlich notwendige stationäre Behandlung eingelassen hat, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts. Mit der Frage, warum man nichts bemerkt habe, entsteht auch eine Schuldfrage, obwohl es darum nicht geht. Aber das Unterbewusste geht seine eigenen Wege.
Offenheit von Hirn und Herz ist notwendig
Jetzt also umdenken. Aber was wird daraus? Nach solchen Fällen gibt es immer die Reaktion, dass man sagt: Man muss mehr darauf achten, sagt Holsboer. Er hat das schon sehr oft gehört. Der FC Bayern allerdings habe damals hervorragend auf die Krankheit Sebastian Deislers reagiert, trotz des Drucks und der vielen Millionen. Der FC Bayern hat von der Spitze sehr umsichtig gehandelt. Uli Hoeneß sagte nur: Das Einzige, was uns interessiert, ist, dass Sebastian Deisler wieder gesund wird. Der Verein habe keine Geheimhaltung gewollt, Deisler ohnehin nicht. Nach der Behandlung in der Klinik konnte Deisler noch einige Jahre spielen, aber hinter seinem Rücken, erzählte der Nationalspieler später, hätten ihn manche Spieler Deislerin genannt. Ich bin nie mehr Teil des Ganzen geworden, ich war so weit weg von der Mannschaft.
Die Forderungen, die Holsboer nun wieder an den Profifußball richtet, klingen eigentlich wie eine Selbstverständlichkeit. Bei der Vereinsführung ist die Offenheit von Hirn und Herz notwendig, um den Spielern nicht das Gefühl zu geben, wenn sie psychische Probleme haben, schnell aussortiert zu werden. So etwas macht den Spielern natürlich Angst. Deswegen bauen sie so wie Robert Enke eine Fassade auf: den gut funktionierenden Familienvater, den gut funktionierenden Torhüter - und innen ballt sich immer mehr zusammen, bis es dann zu einer solchen Tragödie kommt.
Wer zu psychischen Problemen neigt, wird schnell ein Opfer des Stigmas
Neben der Offenheit müssten in einem Verein aber auch Fähigkeiten vorhanden sein, Symptome zu erkennen und psychische Störungen aufzuspüren - so wie auch die kleinste Veränderung im Sprunggelenk mit großer Routine und Kompetenz wahrgenommen und behandelt werde. Man braucht mehr Kompetenz in den Vereinen. Wenn da etwas ist, müssten die Vereine sagen: Wir sind bereit, professionelle Hilfe zu holen. Man brauche nicht unbedingt einen klinischen Psychologen im Verein, sagt Holsboer, die Klubs beschäftigten beispielsweise auch keinen Augenarzt. Aber der Vereinsarzt muss in das Netzwerk von Experten auch Psychiater oder klinische Psychologen einbauen, damit er den professionellen Fachmann früh hinzuziehen kann, wenn so etwas auftaucht.
In der Nationalmannschaft gibt es mit Hans-Dieter Hermann einen Sportpsychologen. Aber Hermann ist kein klinischer Psychiater oder ein Psychotherapeut, er ist ein erfolgreicher Leistungsoptimierer. Hermann erklärte auf der DFB-Website selbstkritisch, dass er Enke aus einem unbestimmten Verdacht heraus auf Depressionen untersucht hatte, in einem Gespräch aber keinerlei Hinweis auf die Erkrankung fand. Wir haben sicher ehrenwerte und hochqualifizierte Sportpsychologen, deren Zweck aber darin besteht, die Leistung der Mannschaft zu verbessern, sagt Holsboer. Wie Boris Becker sagen würde: damit sie mental gut drauf sind. Das aber ist nicht der Punkt. Man muss mehr Kompetenz für die Wahrnehmung psychischer Probleme haben. In der Realität des Profifußballs, des Hochleistungssports sei dies allerdings schwer umzusetzen, das hat Holsboer sehr genau erfahren. Da soll man ein starker Kerl sein, der sich durchbeißt. Da ist jemand, der zu psychischen Problemen neigt, schnell ein Opfer des Stigmas: Man wird als nicht hart genug, zu labil, zu weich abgestempelt.
Die Zerbrechlichkeit bleibt unter der glänzenden Oberfläche
Am größten sind die Wellen dort, wo der Stein ins Wasser fällt. Das ist die Welle, die Robert Enkes Kollegen erreichte, in Hannover, aber vor allem bei der Nationalmannschaft, der Elite des Fußballs. Die Welle erreichte sie am Dienstag im Mannschaftshotel in Bonn, und die rund zwanzig Stunden, die sie nach der Todesnachricht zusammen verbrachten, waren so schmerzvoll, dass manche es kaum ausgehalten haben. Als Oliver Bierhoff auf der Pressekonferenz die Tränen kamen und er von der Hilflosigkeit im Team sprach, sagte er, dass er im Moment genau wie die Spieler fühle. Er war ja einmal einer von ihnen, und er weiß, dass die Spieler in diesen Stunden auch ein Stück von Robert Enke in sich entdeckt haben. Sie alle wissen, dass junge Spieler ihre Egos mit Popularität und Geld aufladen, aber die Zerbrechlichkeit und Schwächen trotzdem unter der glänzenden Oberfläche vorhanden bleiben, dass sie sich selbst von sich abschneiden.
Holsboer sagt dazu, dass 22 Jahre alte Spieler mit Millionengagen, die vor der Öffentlichkeit Spitzenleistung bringen müssten, für dieses Leben überhaupt nicht vorbereitet sind. Manche haben wohl gespürt, als die Nachricht vom Selbstmord Robert Enkes sie erreichte, was es heißt, als Kunstfigur zu leben, und ein bisschen von dieser Leere auch in sich selbst entdeckt. Was wird wohl in Sebastian Deisler vorgegangen sein? Ich weiß es nicht genau, sagt Holsboer, aber ich glaube, dass er im Innersten seines Herzens denkt: Zum Glück habe ich es anders gemacht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa